Oida Depperter, bist augrennt? – Shitstormen auf Österreichisch

gschissnGemeinsam mit Fabian Lebersorger durfte ich am 3. Mai bei der re:publica (größte deutschsprachige Konferenz zum Thema Soziale Medien und digitale Gesellschaft) ein ganz wunderbares Thema besprechen: Österreichische Schimpfkultur im Netz. Mit dem Sessiontitel: „Oida Depperter, bist augrennt? – Shitstormen auf Österreichisch #oidaRP“ haben wir – wie wir meinen – einen ziemlich knackigen Titel gefunden. Denn: Nach Jahren der Verstädnigungsschwierigkeiten mit unseren deutschen Freunden und Freundinnen, war es uns ein Anliegen, der Community näher zu bringen, was „die Ösis“ da im re:pubica-Pausenhof so von sich geben, wenn sie das WLAN als „gschissen“ und den Regen als „Oasch“ bezeichnen.

Not all Fun & Games

Uns war es wichtig, dass wir gemeinsam mit den Deutschen im Publikum lachen, aber auch, dass wir unser Thema auf „wissenschaftlichere“ Beine stellen. Dazu haben wir mit Community-ManagerInnen gesprochen und nach ihren Erfahrungen mit (österreichischem) Dialekt im Internet gefragt, Thesen von SprachwissenschafterInnen zur Dialektnutzung analysiert und super-repräsentative Umfragen auf Facebook und Twitter (n=90) gemacht. Als grundsätzliche Nachlese zur Session empfehlen wir jedenfalls den Sessionhashtag #oidaRP auf Twitter!

These 1: Alle nutzen Dialekt. Aber anders.

Dialekt_AlleGruppen

Dialekt ist nicht zwingend die „Sprache der einfachen Bevölkerung“, wie gelegentlich behauptet wird. Dennoch gilt: Je nachdem, ob man in seinem persönlichen, täglichen Sprachgebrauch stark oder sehr viel Dialekt spricht, verwendet man ihn auch öfter online. Ist Dialekt in manchen Gruppen also einfach „meine Sprache“, so nutzen andere UserInnen, die im Alltag eher Standarddeutsch (also Hochdeutsch, oder eben „Österreichisches Deutsch„) sprechen, Dialekt oft als bewusstes Stilmitel. Auch online. Hierbei werden Dialektbegriffe genutzt um ein Argument besonders zu betonen, oder man verwendet sie in einem klar satirischen Kontext.

These 2: Dialekt = Emotion.

Dialekt_emotionalerBezug

Wenn ein Thema einem User/einer Userin besonders nahe geht, oder ihn/sie emotional besonders aufwühlt, so verwendet man eher Dialektbegriffe. Ist also etwas ganz besonders toll, so wird es schnell mal als „Leiwand“ bezeichnet. Wenn eine Situation richtig schlecht ist und einen sehr aufwühlt, so ist die Situation schlicht und ergreifend „gschissen“!

These 3: Je privater desto Dialekt

Dialekt_privateKonversationen

Unsere ausgesprochen wissenschaftlichen Erhebungen auf Facebook und Twitter bzw. unsere Recherche im ganz persönlichen Umfeld ergeben: Richten sich Unterhaltungen an eine bestimmte Person, oder einen bestimmten Personenkreis, so geht der Dialekt leichter von der Zunge. Aber auch der Soziolinguist Manfred Glauninger bestätigt das in einem Artikel der „Presse“.

These 4: Öffentlichkeit + Dialekt = Auskotzen

Dialekt_sachlicherDiskurs

Wird der Dialekt dann doch auch in öffentlichen Konversationen (z.B. auf Facbook-Seiten von Zeitungen oder berühmten PolitikerInnen) verwendet, dann ist es mit dem Diskurs meist vorbei. Schreiben UserInnen in diesen Unterhaltungen im Dialekt, so wollen sie eigentlich meist gar keine Anwort auf ihren Kommentar. Man will sich auskotzen. Oder wie wir in Österreich sagen: Man will einfach sudern.

These 5: Dialekt schafft Gemeinschaft

Dialekt_Identitaet

Dass Dialekt als Stilmittel eingesetzt wird, haben wir schon erwähnt. Bei  Dialekt zur „Identitätsstiftung“ gibt es zwei Aspekte:

  • ÖsterreicherInnen „outen“ sich mit Dialektbegriffen in mehrheitlich deutschen Foren/Unterhaltungen als solche um anderen „Ösis“ zu signalisieren: „Hey, ich bin einer von euch – Hauma uns auf a Packl!“
  • Nationalistische Kräfte verwenden Dialekt um ihre Gefolgschaft einzuschwören. Die „Geheimsprache“ Dialekt wird bewusst eingesetzt um ein „Wir-Ihr“ Gefühl zu erzeugen. Wer „Daham“ versteht ist dabei. Wer damit nichts anfangen kann, soll bitte gehen.

Tipps für die „Piefke“ und ein kleines Quiz

Zum Abschluss unserer Session gab es noch 5 konkrete Tipps für unsere deutschen FreundInnen im (online) Umgang mit uns Ösis. (ÖsterreicherInnen bezeichnen Deutsche gerne mal als „Piefke“ das ist meistens – aber wie bei so vielen Dingen nicht immer – eher liebevoll gemeint)

Tipps_OE_Shitstorm

Dialekt macht Spaß! Deswegen dürfen ihn auch Marken in ihrer Kommunikation durchaus einsetzen. (Bsp: Dunkin Donuts in Österreich mit „fix zam“) ABER: bitte dabei nicht zwanghaft versuchen den Dialekt einzusetzen. Dann bitte doch besser beim Standarddeutsch bleiben. Keine Sorge, wir verstehen’s eh. Ist die Verwendung von Dialekt oft klar eine Einladung zum „Schmähführen“ oder „Schäkern“, so kann sie aber auch bitter ernst und bitter böse gemeint sein (keine Sorge, man merkt den Unterschied im Regelfall). Dann gilt Jedenfalls: „Don’t feed the Austrian Troll“.

Die 10 wichtigsten Dialekt-Schimpf-Begriffe haben wir im „Ultimativen Ösi-Beschwerdekultur Quiz“ (Download als PDF) abgefragt. Damit aber nach der Session alle möglichst klüger als vorher sind, haben wir diese Begriffe natürlich auch erklärt. Nachzusehen in der Aufzeichnung des Vortrags.

Die Folien gibt es natürlich auch zum Durchklicken! Es war uns eine Riesenfreude auf der #rpTEN und wir wollen gerne wiederkommen und eine „Ösi Session 2.0“ machen! See you 2017!

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